(In Deutsche übertragen von Urike Moreno)
Weihnachtszeit 1483
Middleham, YorkshireKrüge knallten lärmend auf die langen Tische, und der der grosse Wohnsaal der Burg des Herzogs von Gloucester in Middleham erschallte vom Gelächter der Anhänger des Hauses York, als der Cockatrice, ein buntes, vierbeiniges Ungeheuer mit dem Kopf eines Hahns und dem Schwanz eines Krokodils, zwischen den Feiernden umhertollte. Eigentlich hätte die legendäre Kreatur das Hinterteil eines Schweines haben müssen, doch niemand machte sich die Mühe, darauf hinzuweisen. Es stolperte und fluchte zweistimmig, als jemand seinen schuppigen Schwanz ergriff.
>>Autsch!<<, schnaubte Heloise Ballaster, die den Kopf des Fabelwesens spielte. Doch rasch fand sie ihr Gleichgewicht wieder und reckte den sperrigen Schnabel, um zu sehen, was für ein betrunkener Flegel ihr Fortkommen behinderte. Das Fest war plötzlich zu ausgelassen geworden, und einige der dreisteren Jugendlichen versuchten herauszufinden, wenn die Beine des Cockatrice gehörten.
>>Ich kümmere mich um diesen Schelm<<, rief der Schwanz des Üngetüms, und Will, der Hofnarr des Herzogs, löste seine Arme von Heloises Taille, stiess dem Vorwitzigen aus dem hinteren Ende des Kostüms zwei Finger in die Nase und bespritzte ihn mit dem Inhalt einer Lederflasche. Die Zuschauer brüllten vor Lachen, als der Herr überrascht und gedemütigt zurücktaumelte und schäumendes Bier von seinem Gesicht tropfte.
>>Wir müssen damit aufhören, Will!<<, murmelte Heloise und fuhr züruck, als ein Zuschauer in den Schnabel hineinzuspähen versuchte. Gott sie Dank trug sie darunter eine schwarze Maske. Ja, es wurde höchste Zeit für ihren Abgang. Dieser Streich wurde langsam zu gefärhrlich. Um Himmels willen! Falls jemand entdeckte, dass eine der Hofdamen der Herzogin in Wams und Strumpfhose herumspazierte -- die Arme und das Gesicht eines Mann an ihrer Taille (selbst wenn der Hofnarr sich gar nicht für die Frauen interessierte) -- würde man ihre Tugendhaftigkeit anzweifeln. Ausserdem war es nicht nur Angst vor Schande, was an ihren Nerven zerrte, sondern auch die böse Vohranung, dass etwas Schlimmes im Begriff war zu geschehen.
>> Sollen wir zum Schlafgemach zurückkehren, Herrin? Herrin?<<
Heloise antwortete nicht und schwankte unter dem plötzlichen Schwindel, der ihrer Visionen stets voranging. Nicht jetzt, lieber Gott, bloss nicht hetzt! Doch so sehr sie sich auch dagegen wehrte, es kam das Bild des Sohns der Herzogs, der sich nach Atem ringend auf dem Boden wand.
>> Herrin?<< Wills Arme schüttelten sie in den Wirklichkeit des verräucherten Burgsaales zurück. Er drehte sie in Richtung Podium, denn das grosse Schlafgemach, in dem sie ihre Übergerwänder, zurückgelassen hatten, befand sich hinter dem erhöhten Tisch -- der Tisch, an dem der Erbe des Herzogs, ein kichernde Zehnjähriger, gerade nach der goldenen Platte mit dem Waffeln und gebrannten Madeln griff. Mandeln, die ein lachendes Kind ersticken konnten!
>> Jesus!<< Angst vor Entdeckung und Sorge, das ganze Schloss könnte sie für eine Hexe halten, kämpften mit ihrem Pflichtbewusstsein. Aber wie konnte sie das Leben von Herzog Richard Gloucesters einzigem Kind riskieren?Reproduced by kind permission of Bastei Lubbe.

