(Ins Deutsch übertragen von Bettina Albrod)

März, 1470

Wenn sie diese Rebellion angezettelt hätte, dachte Margery, als sie die Plane vom Wagen der Herzogin [Countess] von Warwick zurückschlug, dann hätte sie sich bestimmt nicht das kalte, ungemütliche Lent dafür ausgesucht.
     >> Mach schon, Mädchen! Finde heraus, warum wir angehalten haben!<< schalt die Herzogin [Countess].
     Margery seufzte angesichts der nassen Straße voller Pfützen, hob aber ihre Röcke und kletterte vom Wagen. Immer traf es sie, wenn jemand in den Schmutz mußte, sei es verbal oder buchstäblich, so wie jetz. Das war der Nachteil, wenn man vor dem Gesetz keine Eltern hatte, keine Mitgift und keine Zukunft. Hier stand sie nun, hungrig genug, um eine doppeltes Frühstück zu verschlingen, in einer Stadt, die ihr fremd war, und umgeben von erschöpften Soldaten zu Fuß, die seit über einer Woche über die unwirtliche Straße nach Süden trotteten – der müde hinterherschleppende Schwanz der geschlagenen Armee ihres Herrn, Warwicks des Königmachers. Sie konnte die lange Reihe von Wagen und Soldaten vor sich sehen, die sich durch die ganze Hauptstraße der Stadt zog.
     Irgendwo an der Spitze versuchten der Earl of Warwick und sein Schwiegersohn, der Herzog von Clarence, der auch der Bruder des Königs war, den Bürgermeister der Stadt wahrscheinlich davon zu überzeugen, daß ihre Soldaten es zu eilig hatten, um die Frauen und Töchter der Stadtbewohner zu schänden.
     Margery schob ihre Haube zurück. Der Regen hatte aufgehört, und eine bläßliche Sonne schickte ihre Strahlen vom grauen Himmel. Nach der stickigen, parfumschweren Luft im Wagen war es eine Erleichterung, die frische Luft im Gesicht zu spüren, und von irgendwoher wehte verführerisch der Duft nach frischem Brot.
     Margery wandte sich um und begegnete dem Blick eines Mannes, der Eingang eines Wirthauses zu ihre Linken stand. Es war sein Ausdruck des Staunens, der Margery dazu veranlaßte, seinen Blick wie hypnotisiert zu erwidern. Sie hatte das seltsame Gefühl, diesen Blick schon einmal gesehen zu haben.
     Der Mann strahlte Selbstbewußtsein, Stolz und Beherrschung aus. Vielleicht lag es nur an seiner Größe oder an seiner Haltung, den breiten Schultern, dem eleganten Reitmantel, den er zurückgeschlagen hatte. Er wirkte wie ein Freund der Königsgegner.
     Wieder zog sein waches, intelligentes Gesicht ihren Blick auf sich. Diese Augen hatten sie schon einmal beobachtet, das wußte sie ganz genau.
     >>Mistress, Mistress!<< Einer von Warwicks Diernern berührte sie am Ärmel, und sie drehte sich um, um ihre Gedanken widerstrebend wieder auf ihren Auftrag zu lenken.>>Mein Herr Lord sagt, daß die Damen ruhen sollen. Fürht sie bitte hier herein!<< Der Mann zeigte auf ein Haus aus Holz und Stein zu ihrer rechten, aus dem ein nervöser Wirt und seine ängstlichen Bediensteten hervorgekommen waren, um sie mißstrauisch zu mustern.
     Margery nickte und warf noch einen raschen Blick zur anderen Straßenseite, aber der Fremde war wieder in dem anderen Gasthaus verschwunden. Margey schüttelte den Kopf, als wollte sie die Erinnerung an ihn vertreiben, und zwang sich, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Sie schlug die schwere Plane zurück, die die Luft aus dem Reisewagen ferngehalten hatte. Ihre Herrin, Isabella, die Herzogin von Clarence, würde darüber erleichtert sein.
     >>Gute Nachrichten, Euer Gnaden. Mylord hat die nachricht geschickt, daß wir in diesem Rasthaus ausruhen sollen.<<
     >>Dem Himmel sei Dank<<, murmelte Isabella. >>Wenn ich in diesem verflixten Gefährt noch eine Sekunde länger bleiben soll, ersticke ich.<< Damit begann sie, recht undamenhaft aus dem Wagen zu klettern.
     >>Margery, reich ihr den Arm!<< Isabellas Mutter, die Herzogin[Countess], war seit ihrem Aufbruch aus Warwick Castle um alles besorgt. Isabella, achtzehn Jahre alt und schwanger, rümpfte angesichts des Schmutzes die Nase, als Margery ihr herunterhalf, stellte sich dann neben sie und streckte den Rücken, während der Reisewagen auch seine restlichen Fahrgäste ausspuckte wie ein Kokon vielfarbige Insekten. In einem Wirbel aus Samt und Brokat scharten sich die Herzogin, ihre jüngere Tochter Anne und ihre Kammerfrauen geräuschvoll um Isabella, ehe sie sie in das Wirthaus geleiteten.
     Margery zögerte und blickte noch einmal rasch zu dem gegenüberliegenden Wirthaus. Der Fremde war nicht mehr zu sehen. Sie Suchte den Schatten ab, weil sie seine Gegenwart noch immer spürte.
     >>Was starrst du denn so? Hast du keinene Hunger?<< Ihre Freundin Ankarette, die Zweite Dienerin der Herzogin, zog sie am Arm.
     >> Da war ein Mann...<<
      >> Da ist immer ein Mann, Margery, aber nur selten ein Frühstück. Beeil dich. Wer weiss, wieviel Zeit man uns lässt.<< Seufzend folgte Margery ihr in das überfüllte Gasthaus.
     Innen sah es aus, als hätte eine Riese einen menschlichen Ameisenhaufen geöffnet. Hungrige Soldaten drängten hinter den Ladies ins Haus und suchten nach einem freien Platz. Die Luft war schwer von Rauch, Aledüften, Schweiss und dem Geruch des Essigs, in dem die Männer ihre Schweissbänder einweichten, um sie frei von Läusen zu halten.
     Margery hatte Mitleid mit den Bedienungen, die sich mit angestrengten Gesichtern durch die Menge schoben. Als erstes mussten die Edelfrauen bedient werden. Die Herzogin wurde bereits zum besten Zimmer des Hauses geführt, und eine Prozession von Diernern mit Taschen, Schachteln und Töpften folgte ihr.
     >>Na, du wärest am liebsten wieder bei den Nonnen, was?<< rief Ankarette Margery zu, als sie die Teppe erreichten. Das Zimmer oben war so voll wie vorher der Wagen, und die Laune aller war auf dem Tiefpunkt.
     Als die Herzogin Margery losschickte, um den Wirt zu holen, ruhte sie sich erst einmal einen Moment auf der Treppe aus, wo sie sich an die Wand pressen musste, um die Bedienung vorbeizulassen.
     Ihr war schwindelig wegen all des Lärms. Im Kloster von Nuneaton, wo sie die letzten sechs Jahre gelebt hatte, hatte es wenigstens ruhige Ecken gegeben, in denen sie Ruhe finden konnte, wohingegen jeder moment, seit man sie vor sieben Tagen um Mitternacht aus dem Bett geholt hatte, voller Hast und Unsicherheit gewesen war. Als der Earl of Warwick verlangt hatte, dass sie zu Weihnachten in seinen Haushalt käme, hatte sie au vollem Herzen zugestimmt, aber nicht dieser Flucht durch schlechtes Wetter mit König Edwards Armee auf der Fersen und den bissigen Kommentaren der Herzogin.
     Die ganze Reise über hatte die Herzongin[Countess] immer wieder spitze Bemerkungen zu Margerys sündiger Vergangenhit gemacht, al wäre das Fehlschlagen der Rebellion ihres mannes gegen den König Margerys Schuld. Jeder im Haushalt des Earls wusste, dass man sie in Kloster verbannt hatte, weil man sie im Bett des Königs entdeckte hatte, aber es war schliesslich nicht ihre Schuld, dass König Edward--ihr geliebter Ned--Warwicks leitende Hand abgeschüttelt hatte.
     Edward war neunzehn gewesen, als sein Mentor ihn zum König gemacht hatte, aber jetzt war er neunundzwanzig, und Warwick versuchte noch immer, ihn zu bevormunden. Kein Wunder, dass sie sich zerstritten hatten, als der Earl erklärte, er werde Ned absetzten und statt dessen George und Isabella zu König und Königen machen.
     Margery konnte über die Dummheit des Ganzen nur seufzen, aber sie war in dem verräterischen Netz gefangen wie ein Lamm im Dickicht. Weil sie die uneheliche Tochter einer Edelfrau war, hatte man sie mit Warwicks Töchtern erzogen, damit sie ihnen Gefährtin und Diernerin sei, un sie liebte sie beide. Deshalb war sie jetzt hier, arm wie ein Bettler, und teilte ihre Flucht und gewisse Zukunft aus Loyalität und Verzweiflung. Wo sollte sie auch sonst hingehen?